‚Mich interessiert immer das Leben‘ 

‚Mich interessiert immer das Leben‘ sagt Hans Schneider, wenn man ihn fragt, was eigentlich am Beginn seiner historischen Forschungen steht. Die von ihm akribisch dokumentierten und liebevoll zusammengetragenen „Hofgeschichten“, die im Zentrum seiner Studien stehen, stellen eine so umfassende historische Abbildung eines gesamten Landstrichs dar, dass sie in der Regionalforschung einmalig sind. 

In die Wiege gelegt ist ihm die historische Forschung nicht: 1941 geboren, ist er das vierte von fünf Kindern von Anna Schneider und Benno ‚Kracherl-Schneider-Bene‘, die eine Gastwirtschaft betreiben und Limonade herstellen. Ganz solide erlernt er den Beruf des Bankkaufmanns und übernimmt 1965 das elterliche Café Schneider und den Getränkehandel. 

Nahezu jeden Samstag richten Anni und Hans Schneider Hochzeiten aus – dank der Heiratsfreudigkeit in der Region über Jahrzehnte hinweg. 

Ihre Wirtstube etabliert sich als Wohnzimmer des ganzen Dorfes, in dem sich die ansässigen Vereine und der Stammtisch regelmäßig treffen. Hier wird gegessen und getrunken, geratscht und gefeiert. Was auch immer sich in der Gemeinde tut, findet hier seinen lebhaften Ausdruck – und Hans Schneider ist dabei, hört zu und prägt sich ein: Geschichten wie auch Geschichte.

Und weil es manchmal ja dauern kann, bis ein Essen frisch zubereitet auf den Tisch kommt, überlegt er sich, sein Wissen mit den Wartenden zu teilen. Er entwirft Speisekarten, in denen er historische Themen und Anekdoten zur Lektüre aufbereitet. Die Gäste sind davon so begeistert, dass die Karten als Souvenirs und Bettlektüre eingepackt und ständig nachgedruckt werden müssen. 

Um 1978 fängt er sich, wie er selbst nennt,
den ‚Virus Orts- und Heimatgeschichte‘ ein. 

Anfang der 1980er beginnt er damit, im Staatsarchiv in Landshut die Kataster der Gemeinde Buch am Erlbach aufzuarbeiten. Dort stellt er fest, dass er nichts davon lesen kann – alles in deutscher Kurrentschrift oder Sütterlin! Doch der Heimatvirus-Befallene gibt nicht auf! Mit seiner ehemaligen Lehrerin, Fräulein Maria Gratzl, verbringt er über zwei Jahre hinweg unzählige Stunden damit, die Schriften zu lernen, um sich die Welt der Archive zu erschließen. 

Bald quillt das Haus an der Erlbachquelle, wo die Schneiders leben, über vor Ordnern und Gegenständen. 1989 schließen die beiden aus gesundheitlichen Gründen die Gastwirtschaft, 1997 auch den Getränkeabholmarkt.

Der Weg ist nun frei, um sich ausschließlich der geliebten Heimatforschung zu widmen. Seine Begeisterung ist ansteckend, und so wird 1999 ein Dachboden im Herzen des Dorfes zur Verfügung gestellt: Der ‚Geschichtsboden‘ wo er fast zwanzig Jahre lang die Ergebnisse seiner Forschung lebendig und anschaulich zugänglich macht. 

2008 wird Hans Schneider die Bürgermedaille verliehen, 2016 die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Buch am Erlbach. Als das alte Gebäude abgerissen wird, findet die einzigartige Sammlung eine neue Heimat im Stammhaus von Leipfinger Bader in Vatersdorf. Es entsteht der Neue Geschichtsboden, dessen Herz Hans Schneider bis heute ist.

Heute umfasst der Geschichtsboden rund 1600 prall gefüllte Ordner, 1300 Publikationen, 1400 Sammlungsobjekte und über eine Million Bilddokumente. 

In den vergangenen Jahren hat der Heimatforscher tausende von Schriftdokumenten transkribiert und geordnet – vieles aus dem Archiv des Schlosses derer von Preysing, die einst die Patrimonialgerichtsbarkeit in der Gegend innehatten.

Dieser gewaltige Fundus bewahrt auf, was zu kostbar ist, um es zu vergessen: das Leben der Menschen der Region zu ihrer Zeit, das für Hans Schneider mehr ist als eine Statistik. Mit seiner Sammlung will er davon erzählen, was sich hinter Daten und Zahlen verbirgt: wie die Menschen wirklich zusammenlebten und zusammenarbeiteten und wie ihre Biografien in den weiteren Kontext sozialer, politischer, religiöser und wirtschaftlicher Zusammenhänge eingebettet sind.

So ist der Neue Geschichtsboden niemals ‚fertig‘. Das ist auch nicht das Ziel: Tag um Tag wird weiter geforscht und gesammelt – weil ‚Das Leben‘, wie Hans Schneider selbst sagt, ein unendlicher Schatz ist, der noch lange nicht ergründet ist!